06.08.2018

Sport vorm Monitor?

Interview: Katrin Lange | Bilder: Electronic Arts, VfB Stuttgart

Aktuell wird tatsächlich darüber diskutiert, ob Computerspiele olympische Disziplin werden sollten. Erstmals könnte es 2024 in Paris so weit sein. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Profis, die von ihrem Talent am Controller leben können.

Vor allem das virtuelle Fußballspiel FIFA ist hierzulande so erfolgreich, dass sogar Fußballvereine wie Dortmund, Schalke oder der VfB Stuttgart mittlerweile eSport-Profis unter Vertrag haben. Kein Wunder, orientiert sich FIFA doch sehr nah am realen Fußballbetrieb: Alle großen Mannschaften mit ihren Stars sind vertreten, und jedes Jahr kommt eine neue Version heraus, die die Entwicklungen aus dem „real life“ berücksichtigt.

Marcel Lutz ist als eSport-Profi beim VfB Stuttgart unter Vertrag. Auf dem digitalen Rasen des Fußball-Videospiels FIFA bestreitet der 21-jährige Marbacher internationale Turniere. Im Interview gibt er Einblick in die Welt des eSport.

Im Blick: Seit wann spielst du FIFA und wie ist deine Karriere zum Profi verlaufen?

Marcel Lutz: Zuerst hatte mein älterer Bruder das Spiel, das war FIFA 2003. Da durfte ich nur zuschauen. 2008 habe ich mir das Spiel dann von meinem eigenen Geld gekauft. Damals habe ich zusammen mit Freunden gespielt. So richtig ging es los ab FIFA 2015.

Das ist ja erst drei Jahre her. Wie wird man so schnell Profi?

In FIFA 2015 habe ich es gleich geschafft, mich für mein erstes internationales Turnier zu qualifizieren. Ich habe zuhause gespielt – und wurde nach London eingeladen! Flug und Hotel wurden gezahlt, was für mich damals echt ein cooles Erlebnis war. Das war auch der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich mit den Leuten ganz oben mithalten kann. Den Durchbruch hatte ich dann in FIFA 2017: Zweimal habe ich bei wichtigen Spielen den dritten Platz belegen können, womit ich mich für die offizielle FIFA-Weltmeisterschaft qualifiziert habe. Zu der Zeit ist auch der Kontakt zum VfB Stuttgart zustande gekommen.

eSport-Profi: Marcel Lutz

Welche Fähigkeiten muss man mitbringen, um eSport-Profi zu werden?

Der wichtigste Punkt ist die Konzentrationsfähigkeit. Die Turniere gehen zum Teil über das ganze Wochenende. Du musst beim ersten genauso wie beim letzten Spiel immer auf 100 Prozent sein. Selbst kleine Fehler können das Spiel entscheiden. Aber anders als beim echten Fußball, wo du noch zehn weitere Spieler hast, die deinen Fehler vielleicht ausbügeln können, bist du in FIFA auf dich alleine gestellt. eSportler brauchen eine besondere mentale Stärke, um diesem Druck standhalten zu können.

Wie lange musst du durchschnittlich pro Tag trainieren?

Wenn ein FIFA-Spiel neu rauskommt, werden es auch unter der Woche schnell mal fünf oder sechs Stunden. Danach reichen zwei Stunden pro Tag. Jetzt, am Ende des FIFA-Jahrs wenn keine Turniere mehr anstehen, spiele ich an manchen Tagen auch gar nicht mehr.

Wie bereitest du dich auf die Umstellung auf FIFA 19 vor?

Bevor das Spiel rauskommt, kann man nicht viel vorbereiten. Ist das Spiel dann da, heißt es so viel spielen wie möglich und sich mit befreundeten Spielern austauschen: Was haben die schon ausprobiert, was funktioniert gut und was nicht so gut? Wir müssen so schnell wie möglich die ganzen Tricks herausfinden, die wir in FIFA 18 schon in- und auswendig können.

Wie stellst du deine Mannschaft zusammen?

Obwohl ich beim VfB bin, bin ich nicht verpflichtet, nur Stuttgarter Spieler auszuwählen. Es gibt den Modus Ultimate Team, in dem wir unser Dream-Team zusammenstellen können. So ist auch bei Turnieren Chancengleichheit gegeben. Meine internationalen Top-Spieler sind auf jeden Fall Christiano Ronaldo, als Klassiker Ruud Gullit und als Torwart David de Gea.

Hast du schon einmal vor Wut den Controller in den Monitor geschmissen?

(lacht) In den Monitor nicht, aber geflogen ist er schön öfter… Bei FIFA denken die Leute immer, dass das so ein Sport-Spiel ist, bei dem man sich gar nicht so viel aufregen muss. Aber es gibt dazu eine Statistik, der zufolge FIFA das Spiel mit dem größten Wutpotenzial ist.

Stimmt überhaupt das Klischee von durchzockten Nächten, umgeben von leeren Cola-Flaschen und fettigen Pizza-Kartons?

Es gibt definitiv Leute, die das so machen. Ich führe aber ein relativ normales, gesundes Leben. Klar kommt es vor, dass ich auch mal eine Nacht durchspiele. Aber im Großen und Ganze achte ich auf genug Schlaf und eine vernünftige Ernährung. Seit einem halben Jahr gehe ich außerdem regelmäßig ins Fitnessstudio. Ich will Muskeln aufbauen und etwas zunehmen. Dazu brauche ich genügend Eiweiß, esse Nudeln, Fleisch, Fisch und Gemüse.

Der virtuelle Christiano Ronaldo

Habt ihr beim VfB auch Berater, die euch unterstützen, wenn es um eure Gesundheit geht?

Das ist geplant, weil es für uns Spieler auf jeden Fall eine extreme Hilfe ist. Gerade bei Turnieren, bei denen wir über acht Stunden voll konzentriert sein müssen, ist Fitness unheimlich wichtig.

In Asien und den USA ist eSport schon so populär, dass Turniere in riesigen Stadien veranstaltet werden. Glaubst du, dass sich das in Deutschland auch so entwickeln wird?

Ich denke, dass in Deutschland der eSport den richtigen Fußball nie überholen wird. Aber schon heute haben deutsche eSportler relativ hohe Reichweiten auf ihren Social-Media-Kanälen, zum Teil mit 100.000 oder mehr Followern. Das zeigt, dass das Thema eSport in Deutschland angenommen wird, wenn auch überwiegend im Internet und von der jüngeren Generation.

Kannst du als Profi von Fifa leben?

Momentan spiele ich FIFA Vollzeit, plane aber ab dem Wintersemester ein Studium. Ich verdiene vernünftiges Geld damit. Ich glaube, in einigen Jahren wird das noch deutlich lukrativer werden.

Was meinst du: Wie lange wirst du als Profi FIFA weiterspielen können?

Generell heißt es, dass eSportler ungefähr bis zu einem Alter von 30 Jahren spielen. Ich glaube aber nicht, dass ich so lange spielen werde. Mein primäres Ziel ist es, einen großen Titel zu erspielen und so lange als möglich Spaß am Spielen zu haben. Danach möchte ich im eSport-Bereich arbeiten und diesen weiter voranbringen, zum Beispiel bei einem Fußballverein im Marketing. Deshalb will ich auch Medienwirtschaft studieren.

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