25.09.2020

Was sind freie Radikale?

Foto: iStock TefiM, AdobeStock antto Text: Corinna Pehar

Freie Radikale gelten als sehr aggressiv. Was viele allerdings nicht wissen: Hält man sie im Zaum, verteidigen sie sogar unser Immunsystem.

Es ist an der Zeit, eine Lanze zu brechen: Freie Radikale sind besser als ihr Ruf! Denn die winzigen Moleküle, die als Stoffwechsel-Nebenprodukt in jedem menschlichen Körper gebildet werden, arbeiten unter bestimmten Bedingungen als äußerst aktive Gesundheitspolizei in der Immunabwehr. Dabei greifen sie Bakterien und Viren an und zerstören sämtliche Krankheitserreger. Diese wichtige Funktion für den Organismus übernehmen sie aber nur, wenn sich ihre Anzahl in Grenzen hält. Oder anders ausgedrückt: „Allein die Menge macht das Gift.“ Wie der bekannte Mittelalterarzt Paracelsus schon wusste, kommt es auf das richtige Verhältnis an. Die Zeiten, in denen freie Radikale pauschal als Übeltäter angesehen wurden, sind vorbei. Denn sie dienen nicht nur der Regulation wichtiger Prozesse in unserem Körper. Wissenschaftler vom Cancer Research Institute in Cambridge wollen sogar herausgefunden haben, dass sie das Wachstum bestimmter Krebsarten mindern können.

Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung oder psychischer Stress führen zu einer Vervielfachung der Angriffe.

Auf Elektronenjagd

Übersteigt die Anzahl jedoch diese Balance, können freie Radikale Krankheiten begünstigen. Doch auch das meinen sie nicht böse, denn im Prinzip wollen sie nur eines: sich vollständig fühlen. Den Molekülen fehlt aber ein kleiner Teil zu ihrem Glück, ein Elektron. Um an das Objekt der Begierde zu gelangen, gehen sie äußerst rabiat vor: Ohne Rücksicht auf Verluste versuchen sie, dem nächstbesten intakten Molekül ein Elektron zu entreißen. Am allerliebsten stürzen sie sich auf Eiweißstoffe und Fette, sie kennen aber auch kein Pardon, wenn es um das empfindliche Erbgut im Inneren unserer Zellen geht. Wurde ein Molekül beraubt, wird es ebenfalls zu einem Radikal – die Kettenreaktion setzt sich in Gang. Verschiedene Faktoren wie Luftschadstoffe, Pestizide, UV-Licht und Ozon können das Aufkommen an freien Radikalen noch weiter erhöhen. Machen sich schließlich zu viele in unserem Blut breit, spricht man von oxidativem Stress. Mutet man seinem Körper jetzt noch weitere Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, schlechte Ernährung oder psychischen Stress zu, vervielfachen sich die Angriffe. In diesen großen Mengen können die Kettenreaktionen gefährlich werden und massive Schäden in Zellen und Blutgefäßen anrichten. Sie können für eine frühzeitige Alterung sorgen und das Risiko für Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes, Krebs, Rheuma, Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöhen. Wie viele freie Radikale für – oder gegen – einen arbeiten, hat der Mensch mit der Gestaltung seines Lebensstils also bis zu einem gewissen Grad selbst in der Hand.

Artikel weiterempfehlen

Das könnte Sie auch interessieren