14.05.2018

Freude in Grün

Text: Katrin Lange | Bilder: iStockphoto.com/Teka77, Callwey Verlag

Ein Garten ist mehr als ein bestelltes Stück Grün umgeben von einem Zaun.

Ein Garten ist die Verbindung zur unserer Natur. Deshalb ist Gartenarbeit nicht nur gesund für Körper und Geist, sondern wie das Leben selbst. Der Garten von Barbara Bonisolli ist ihr kleines Paradies auf Erden, genauer gesagt im sanft vor sich hinhügelnden Alpenvorland. Blühende Obstbäume, die mit ihren knorrigen Stämmen wie Wächter in der Wiese stehen, üppige Gemüsebeete, Gewächshäuser, wo die Tomaten und Bohnen wuchern, Stauden, Hecken und bunte Blumen. Dazwischen gackern Hühner und die Bienen summen um ihren Stock herum. „Mein Garten ist mein Zufluchtsort“, sagt Barbara Bonisolli. Und ihre Lebensgrundlage – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Die Familie von Bonisolli ernährt sich zumindest über den Sommer fast nur von den Früchten ihres Gartens. Außerdem hat die Fotografin und Autorin ihre Leidenschaft für den Garten zu einem Teil ihres Berufs gemacht. Mittlerweile sind schon zwei Kochbücher mit Rezepten aus ihrem Garten erschienen. Außerdem spielte ihr großer schöner Garten auch lange die Hauptrolle in einer Sendung zum „Leben auf dem Lande“.

Eine eigene Welt

Nun lebt nicht jeder auf dem Lande oder hat einen weitläufigen Garten zur Verfügung. Aber was Bonisolli über die Gartenarbeit erzählt, ist auch auf den Kräuterkasten auf dem einen Balkon oder auf das selbstgebaute Hochbeet im Hinterhof übertragbar. Für Bonisolli ist Garten ein Rückzugsort. Eine Welt, die sich nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten lässt. Ein Ort, wo sie im Kleinen etwas bewirken kann, wo sie kreativ und vor allem auch produktiv sein kann. „Man versenkt sich in eine Arbeit mit sichtbarem Ergebnis. Was man sät, das kann man auch ernten“, sagt Bonisolli. Eine Erfahrung, die viele in ihrem Arbeitsleben häufig vermissen. Gartenarbeit ist für sie vergleichbar mit Meditation und eine immer willkommene Gelegenheit, um den Kopf frei zu machen für neue Pläne. Wer mit Barbara Bonisolli über ihren Garten spricht, dem wird schnell klar, dass ein Garten viel mehr ist als „durch einen Zaun abgegrenztes Grün, in dem Pflanzen wachsen“, wie die offizielle Definition lautet. Garten ist Refugium, Philosophie – und ein großer Trend.

Laubenpieper und Öko-Hipster

Der spießige Kleingärtner in seiner Laube ist auf jeden Fall von gestern, heute serviert der Hipster Rote-Beete-Carpaccio aus eigenem Anbau. Jenseits der Klischees aber ist ein Garten für immer mehr Menschen ein dringend benötigter Ausgleich zum Leben im sogenannten digitalen Zeitalter. Der Mensch sucht aktiv den Kontakt zur Natur. In der Folge boomen Gartenprojekte – gerade auch in den Großstädten. Die Wartelisten für eine Parzelle in den Schrebergartensiedlungen sind lang, viele tun sich zusammen, um gemeinsam in so genannten Krautgärten zu gärtnern oder engagieren sich in Gartencommunities für den Bioanbau oder „Urban-Gardening“-Projekte für mehr Grün in der Stadt. Dächer werden begrünt und triste Balkone in grüne Oasen verwandelt. Dieser Drang zurück zur Natur ist für Andreas Niepel keine Überraschung. Der Gartenplaner und Gartentherapeut beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Wirkung von Garten auf Körper und Seele.

Für Niepel ist die Welt der Pflanzen ein grundlegender Bestandteil der Natur. Und Menschen brauchen die Natur, um gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden. Niepel weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er einer der Pioniere, die rund um Kliniken speziell auf die Bedürfnisse der Patienten zugeschnittene Gartenanlagen entworfen haben. Klinikgärten sind längst eine Erfolgsgeschichte, die sich Niepel so erklärt: „Der Garten ist eine Verbindung zur Welt“. Das gilt insbesondere auch für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen lange ans Bett gefesselt waren und ihre Tage in geschlossenen Räumen verbringen mussten. Naturentzug kann krankmachen. Im Umkehrschluss wirkt der Umgang mit der Natur gesundheitsfördernd und sogar heilsam.

Beruhigende Reize

Das ist nicht zuletzt den besonderen klimatischen Reizen im Garten geschuldet. Die häufig höhere Luftfeuchtigkeit bringt das Herzkreislaufsystem in Schwung und stärkt das Immunsystem. Die Bewegung im Freien befreit Atemwege und durchblutet die Haut gleichmäßig. Die Farben, der Geruch und das Spiel zwischen Licht und Schatten wirken beruhigend, der Stresslevel sinkt und der Puls wird messbar ruhiger. Inzwischen ist wissenschaftlich bewiesen, dass sogar der Blick ins Grüne gesund ist. „Der Garten ist die Apotheke des kleinen Mannes“, heißt es in einem alten Sprichwort. Schließlich sind nicht nur die Gartenarbeit, sondern auch Gemüse, Früchte und Kräuter gut für die Gesundheit – und haben je nach Kraut sogar heilsame Wirkung. Es kommt nur auf die richtige Dosis an.

Voll das Leben

Das gilt auch für den Garten an sich. Barbara Bonisolli achtet trotz aller Begeisterung für die grüne Pracht darauf, dass ihr das grüne Idyll nicht über den Kopf wächst. „Es gab Jahre, da gab es nichts, was hier nicht wuchs“, erzählt Bonisolli. Manchmal kam sie kaum mehr hinterher mit dem Jäten, Harken und Ernten. Garten kann eben auch richtig viel Arbeit machen. Deshalb rät Bonisolli zu einem entspannten Umgang mit dem Garten und den eigenen Ansprüchen. „Garten ist immer ein Prozess, der sich ständig verändert“, sagt sie. Genau wie das Leben selbst. Auch deshalb finden viele im Garten zu sich selbst.

Buchtipp

Was kochen wir den heute? Wenn Barbara Bonisolli nichts einfallen will, geht sie raus in ihren Garten und lässt sich inspirieren. Die Resultate hat sie in diesem schönen und informativen Bildband zusammengetragen – aufgeteilt in die vier Jahreszeiten. Brennessel-Risotto mit Frischkäse für den Frühling und Apfel-Selleriesalat mit Haselnusskrokant im Herbst. Dazu gibt es viele nützliche Tipps aus ihrem Selbstversorgergarten. Barabara Bonisolli „100 Rezepte aus meinem Garten“, Callwey Verlag, 36 Euro

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