24.03.2020

Fußball in bunt

Text: Philipp Hauner

Im Verein buntkicktgut kommen beim Straßenfußball Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zusammen. Sie lernen dabei Fairplay, entwickeln Teamgeist – und haben ganz einfach Spaß.

Rüdiger Heid ist ein Mann im Dauereinsatz: Sein Telefon klingelt derzeit im Drei-Minuten-Takt, hinzu kommen Besprechungen mit Kollegen, Besuche bei Fußballmannschaften vor Ort, Fundraising-Gespräche, Interviews. Gerade organisiert der 60-jährige Münchner mit seinem Office-Team die „buntkicktgut Open“ – ein deutschlandweites Straßenfußballturnier. Er listet auf: „U13 – zwölf Teams, Mädchen – zwölf Teams, bei den U15 sind es 14, bei den U17 haben wir 18 Mannschaften – bei den Senioren sind es 16. Moment, ich zähle zusammen, das macht also insgesamt, Moment, 72 Teams.“ Das sind deutlich mehr als zum Beispiel bei einer Fußball-EM gegeneinander antreten.

So groß wie in diesem Jahr sei der Andrang noch nie gewesen. „Mittels einer Qualifikationsrunde mussten wir die Anzahl der Teams begrenzen.“ Was 1997 in München als kleiner Verein mit nur einem Straßenfußballteam von jungen Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem damaligen Jugoslawien begonnen hatte, ist zu einer namhaften Non-Profit-Organisation mit einer gesamtdeutschen Liga angewachsen. Inzwischen bringt buntkicktgut circa 4.000 junge Spieler und Spielerinnen mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland auf den Bolzplatz – mit Unterstützung von Fußballgrößen wie Jérôme Boateng oder Oliver Kahn. „Mit Sport kann man sehr gut gegen Langeweile und Perspektivlosigkeit angehen“, sagt Heid, der vor mehr als zwei Jahrzehnten den Verein gegründet hat. Durch den Fußball kommen bei buntkicktgut junge Menschen aus Deutschland und den verschiedensten Kulturkreisen zusammen. Sie alle eint: die Freude am Spiel und die Tatsache, dass auf dem Feld alle denselben Regeln unterworfen sind.

Erfolgserlebnisse durch Sport

Für Max Rabe, der im Office-Team und auch als Trainer arbeitet, ist das ein zentraler Punkt: „Wir wollen den Kindern und Jugendlichen durch den Fußball Dinge vermitteln, die im späteren Leben wichtig für ihren Erfolg sind: Respekt, Fairness und Pünktlichkeit.“ Aber nicht nur das: Beim Fußball erleben Kinder, die oft in schwierigen Verhältnissen leben müssen, Anerkennung und Erfolgserlebnisse. Der Sport hilft, Frustrationen abzubauen und im Team zusammenzuarbeiten. Mit diesem Rezept ist buntkicktgut mittlerweile nicht nur in München Teil einer funktionierenden Sozialarbeit, sondern auch in Hamburg, Berlin-Neukölln, im Ruhrgebiet und in Ludwigshafen. In der Stadt am Rhein sind derzeit rund 250 Kicker aktiv. „Unser Standort im Südwesten wächst stark“, berichtet Heid, „weil dort sehr engagierte Menschen helfen, die Community aufzubauen. Außerdem haben wir mit dem Jugendamt einen tatkräftigen Träger.“ Auch das gehört zum Ansatz von buntkicktgut: den Teilnehmern Aufgaben zu übertragen, sie fit für die Rolle als Trainer und Coaches zu machen – gemäß dem Motto: „Ihr seid eure eigenen Vorbilder, nicht wir.“ Und das steht und fällt natürlich ganz erheblich mit dem Maß an Eigeninitiative.


Und gesund ist es auch noch

So sehr der Aspekt des Sozialen bei buntkicktgut auch im Vordergrund stehen mag – die positiven Effekte des Ballsports auf die Gesundheit der jungen Spieler und Spielerinnen sind nicht zu unterschätzen. Zwar wurde Fußball aufgrund des relativ hohen Verletzungsrisikos von einigen Sportmedizinern lange Zeit kritisch gesehen. Doch neuere Studien betonen die gesundheitsfördernden Aspekte des Mannschaftssports. So wird beim Fußball fast der gesamte Muskelapparat trainiert – von den Fußmuskeln beim kräftigen Schuss bis zur Nackenmuskulatur beim Kopfball. In hitzigen Partien ändern Spieler circa alle vier bis sechs Sekunden Laufrichtung und Geschwindigkeit. Dieser ständige Wechsel zwischen Laufen, Gehen und Sprinten aktiviert alle Arten von Muskelfasern und stärkt das Herz-Kreislauf-System.


Fußball als Streetwork

Die 19-jährige Nuhr Mendelawi, die bereits seit 2006 bei buntkicktgut trainiert, begeistert vor allem der Teamgeist und die herzliche Atmosphäre: „Wir sind wie eine große Familie. Jeder ist willkommen, egal wo er oder sie herkommt, egal welche Hautfarbe oder Religion man hat.“ Die kurdischstämmige Münchnerin arbeitet zudem seit zwei Jahren als ehrenamtliche Street-Football-Workerin: „Die Trainingseinheiten, bei denen ich meine Spielerinnen und Spieler auf den nächsten Tag vorbereite, gefallen mir besonders. Und als Trainerin konnte ich mit meinem Team schon einige Spiele gewinnen.“ Auch Jasan Osed ist vom Straßenfußball begeistert. Der zwölfjährige Syrer spielt seit vier Jahren im Rahmen des Vereins und hat sich in seinem Team, den „Boomerang Juniors“, in der U13 die Position des Kapitäns erarbeitet: „Es macht große Freude, mit meinen Freunden zu spielen, mit ihnen habe ich den Liga Cup 2018 gewonnen. Insgesamt habe ich schon mehr als 25 Tore geschossen.“

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