23.11.2017

Gelassenheit in der Schwangerschaft

Text: Elisa Holz | Foto: istockphoto

Eine schwangere Frau ist guter Hoffnung, hieß es früher. Wie ist das heute?

Gibt es die gute Hoffnung heute noch? Das positive Grundgefühl stellt sich heute nicht mehr so leicht ein. Dabei sprechen so viele Gründe für mehr Gelassenheit. In der Regel beginnt alles mit einem Streifen im Fenster eines bauchigen Plastikstifts. Schwanger! Kein Mensch, weder die werdende Mutter noch der Vater, kann in dem Moment vorhersehen, was die kommenden Monate alles bringen werden. Aber man wüsste natürlich zu gerne, wie sich das Baby entwickelt. Viele Eltern sind tief gerührt, wenn sie ungefähr neun Wochen später zum ersten Mal den kleinen Embryo und sein schlagendes Herz auf dem Bildschirm des Ultraschalls sehen.

Der medizinische Fortschritt hat das Kind aus der dunklen Höhle des Bauchs ans Licht gebracht – nicht nur per Ultraschall, sondern auch durch pränatal-diagnostische Maßnahmen wie Gen- und Bluttests, die es möglich machen, genetische Defekte wie Trisomie 21 oder Krankheiten sowie Fehlbildungen des Kindes schon im Mutterleib zu erkennen. Das hat Einfluss auf die Art und Weise, wie Frauen Schwangerschaft heute erleben. Das Gefühl der Rührung weicht mit wachsendem Bauch häufig der Sorge und dem Zweifel.

40 Wochen voller Erwartungen

Ist wirklich alles in Ordnung? Entwickelt sich das Kind normal? Was kann ich tun, damit es dem Baby im Bauch gut geht? „Frauen erleben Schwangerschaft heute meist sehr erwartungsvoll“, sagt Georg Sauer, Chef­arzt für Geburtshilfe und Gynäkologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Erwartungen an sich selbst, den Partner, Freunde, Familie und an das Kind im Bauch, das auf jeden Fall gesund sein soll. Alles muss möglichst schön und gut sein. Dabei ist es fast unmöglich, den hohen Ansprüchen zu genügen. Diese reichen von der richtigen Ernährung über Geburtsvorbereitung und Babyausstattung bis hin zu oben genannten Vorsorgeuntersuchungen, die – falls kein begründeter Verdacht auf eine Entwicklungsstörung oder Erkrankung des Kindes besteht – aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Eine Investition, die immer mehr werdende Eltern in Kauf nehmen. Schließlich wollen sie, was die Gesundheit des Kindes betrifft, absolut auf Nummer sicher gehen.

Absolute Sicherheit gibt es nicht

Im Internet kursieren Listen, was im Verlauf einer Schwangerschaft alles unternommen werden sollte oder könnte. Schwangerschaftswoche 3: Folsäure einnehmen, Schwangerschaftswoche 7: Hebamme suchen, Schwangerschaftswoche 10: Plazentapunktion möglich, Schwangerschaftswoche 14: Fruchtwasseruntersuchung möglich, Schwangerschaftswoche 16: Triple-Test möglich, Schwangerschaftswoche 23: Jetzt könnte man sich mit der Nabelschnur beschäftigen. Plötzlich erscheint die Schwangerschaft wie ein Marathonlauf über 40 Wochen. „Es ist alles durchgeplant. Der Stress wächst, die Gelassenheit schwindet“, konstatiert Sauer. Für ihn ist das die Konsequenz aus dem herrschenden Zeitgeist der Selbstoptimierung: Jeder ist seines Glückes Schmied, nichts kann dem Schicksal überlassen werden.

Der medizinische und der technologische Fortschritt können neben Erleichterungen auch Verunsicherung mit sich bringen.

Hinzu kommt das steigende Alter der Mütter. Laut Sauer waren in den 80er-Jahren nur fünf Prozent aller schwangeren Frauen älter als 35, heute sind es 35 Prozent. Und je älter, desto größer ist das theoretische Risiko für Mutter und Kind. „Wir sind gesetzlich verpflichtet aufzuklären. Es ist aber nicht unsere Pflicht, werdenden Müttern zu unseren diagnostischen Maßnahmen zu raten, wenn es keine konkreten Anhaltspunkte für eine gesundheitliche Beeinträchtigung gibt“, sagt Birgit Seelbach-Göbel, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie. Als praktizierende Frauenärztin weiß sie aus Erfahrung, dass die Hoffnung auf Gewissheit, die werdende Eltern in die Pränataldiagnostik setzen, häufig trügerisch ist: „Man kann heute zwar viel erkennen, aber es gibt eben nie hundertprozentige Sicherheit.“

Es ist paradox: Der große medizinische Fortschritt kann auch eine grundlegende Verunsicherung, Angst – und in seltenen Fällen auch schwerwiegende Entscheidungen – mit sich bringen. Sollte eine Fruchtwasseruntersuchung beispielsweise einen genetischen Defekt bestätigen, stellt sich die Frage, ob die Schwangerschaft abgebrochen werden soll. Auch nach einem positiven Bescheid gibt es keine Gewissheit, sondern immer ein statistisch begründetes Rest­risiko. Das Kopfkarussell dreht sich weiter: Was ist, wenn mein Kind zu dem einen Prozent gehört, das trotz des Tests vielleicht doch behindert ist?

Vertrauen ins Bauchgefühl

„Es ist ein Dilemma – für die Frauen und auch für uns Ärzte“, sagt Seelbach-Göbel. Viele Eltern wollen alles Menschenmögliche für die Gesundheit ihres Kindes unternehmen. Die Ärzte wollen sich nach allen Seiten hin absichern, weil sie fürchten, im Nachhinein belangt zu werden, sollte das Kind wider Erwarten doch nicht gesund sein. Die Folge: „Das Rad dreht sich immer schneller“, beobachtet auch Georg Sauer. Wie aber kann der Druck gemildert werden, sodass Schwangerschaft wieder als eine Zeit „guter Hoffnung“ empfunden wird?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Wichtig ist es, das Urvertrauen der Mütter wiederherzustellen. Einfach mal auf den eigenen Bauch hören, anstatt bei jeder Kleinigkeit „Dr. Google“ zu befragen. Man kann Schwangerschaft nämlich auch locker angehen: Die drei gesetzlich vorgesehenen Basis-Ultraschall-Untersuchungen und zusätzlichen Tests sind in der Regel als Vorsorge ausreichend. Alles andere muss bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft nicht sein.

Grund zum Optimismus

„Häufig sind jene Frauen in der Schwangerschaft am glücklichsten, die sich kaum damit beschäftigen“, sagt Seelbach-Göbel. Sie freue sich über jede Frau, die mit ihrer Schwangerschaft entspannt umgeht und es so nimmt, wie es kommt. Allerdings sei es schwierig, die medizinischen Möglichkeiten und vielen gut gemeinten Ratschläge zu ignorieren. Seelbach-Göbel plädiert für eine positivere Einstellung: „Die meisten Kinder kommen doch gesund zur Welt.“ Georg Sauer sieht auch den eigenen Berufsstand in der Pflicht. Der Arzt solle versuchen, den Frauen Ängste zu nehmen. Wichtig sei in diesem Zusammenhang das gegenseitige Vertrauen. Die werdenden Eltern sollten auf die Fähigkeit der Ärzte vertrauen. Und die Ärzte wiederum den Frauen und ihrem Bauchgefühl. Wäre es nicht für alle – auch für die Babys im Bauch – besser, wenn Schwangerschaft nicht von Sorge überschattet würde? Zu den schönsten Freuden gehört schließlich die Vorfreude.

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Rund ums Kind

Die Bosch BKK unterstützt Sie bei allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt.

Das Programm „Plan Baby“ unterstützt Sie, auf gesunde Art schwanger zu werden. Wir übernehmen die Kosten in Höhe von bis zu 80 Euro für einen Geburtsvorbereitungskurs auch für den Partner, nicht nur für die Frauen. Die Bosch BKK bezuschusst eine 24-Stunden-Hebammen-Rufbereitschaft mit bis zu 250 Euro. Kinder bis zu sechs Jahren, die alle U-Untersuchungen und Zahnvorsorge mitgemacht haben, können bei unserem Bonusprogramm G-win mini einen Bonus von bis zu 150 Euro ansammeln.

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Längerer Mutterschutz

Mütter haben nach der Geburt eines behinderten Kindes eine längere Schutzfrist. Damit können sie auch länger Mutterschaftsgeld beziehen. In der Regel gehen werdende Mütter sechs Wochen vor der Geburt in den Mutterschutz und dürfen acht Wochen nach der Entbindung nicht beschäftigt werden. Falls das neugeborene Kind eine Behinderung hat, verlängert sich diese Frist nun auf zwölf Wochen. Die Regelung zum verlängerten Mutterschutz gilt seit dem 1. Mai 2017.

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