26.09.2018

Generation Smart

Text: Elisa Holz | Fotos: Westend 61/Cavan Images

Unsere Kinder werden mit digitalen Medien groß. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie damit auch richtig umgehen können. Dafür bedarf es einer engen Begleitung durch Eltern, die insbesondere eines sein sollten: Vorbild.

Soziales Lagerfeuer oder Gefahrenherd? Als Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Fernseher zum bestimmenden Medium wurde, diskutierten Wissenschaftler, Pädagogen und Eltern heftig darüber, ob und wie gefährlich „die Glotze“ für Kinder ist. Heute stellt die Allgegenwart des Smartphones Eltern, Lehrer und Kinder vor ungeahnte Herausforderungen. Das Smartphone ermöglicht interaktive Kommunikation in alle Richtungen – 24 Stunden rund um die Uhr, weltweit und in Echtzeit. „Diese Form der Interaktion hat eine ungeheure Energie. Sie geht mit großer Verantwortung einher“, sagt Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative „Schau hin!“, einem Online-Medienratgeber für Eltern, der vom Bundesfamilien­ministerium, einer Programmzeitschrift und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten unterstützt wird. Dieser Verantwortung muss sich die gesamte Gesellschaft stellen. Schließlich geht es um die Sicherheit, die Gesundheit und die soziale Kompetenz unserer Kinder.

Plädoyer für Maß und Mitte

Kristin Langer ist keine, die vor „digitaler Demenz“ der jungen Generation warnt. Ihr Bestreben ist es, Eltern und Kindern einen möglichst lebensnahen Weg aufzuzeigen. Sie plädiert für Maß und Mitte, sprich, einen bewussten und möglichst selbstbestimmten Umgang mit dem Smartphone. Das ist leichter gesagt als getan. In den meisten Familien entbrennt wegen des Medienkonsums der Kinder tagtäglich ein Kampf, der Eltern zunehmend frustriert. Auch Langer kann keine Patentrezepte verschreiben, stattdessen empfiehlt sie feste Strukturen und eine altersgerechte Routine im Umgang mit dem Smartphone, die Kinder in enger Begleitung ihrer Eltern finden sollen. Dazu müssen Eltern aktiv werden, sich informieren und mit den Möglichkeiten und Gefahren der digitalen Welt auseinandersetzen. Zunächst müssen sie herausfinden, was die Kinder möchten, was sie gut finden und was ihnen Unwohlsein bereitet. „Es geht darum, Handlungsmuster zu entwickeln, die der Persönlichkeit des Kindes entsprechen“, sagt Langer. Sozialer Druck und Bequemlichkeit nach dem Motto „Das haben jetzt alle“ sei hingegen kein guter Ratgeber. „Man muss sich eine eigene Überzeugung erarbeiten und danach handeln“, so die Expertin. Das ist oft ein langwieriger Prozess.

Wie viele Apps sollten Kindern zur Verfügung stehen? Wann entscheide ich, wann das Kind? Darf mein Kind einen Messenger-Dienst nutzen? Und wenn ja, welchen? Darf ich die Chats lesen? Welche Regeln sind beim Chatten unabdingbar? Wie stehe ich zu Online-Bekanntschaften meines Kindes? Wie viel Kontrolle ist nötig? Die Liste der Fragen ist lang und es gibt keine einfachen Antworten. Nur generelle Empfehlungen. Eine der wichtigsten lautet: Kinder bis fünf Jahre sollten nicht länger als eine halbe Stunde, Kinder bis neun Jahre bis zu einer Stunde täglich vor dem Bildschirm verbringen – egal ob TV, Smartphone oder Konsole. Bei Kindern ab zehn Jahren können Eltern auch ein Zeitkontingent vereinbaren, das die Kinder sich einteilen können. Mehr als neun Stunden in der Woche sollten es jedoch nicht sein.

Die Allgegenwart von Smartphones stellt Eltern vor ungeahnte Herausforderungen.

Die digitale Welt ist endlich

Dass auch mal Schluss sein muss mit dem Smartphone, gehört zu den grundlegenden Erfahrungen im Umgang mit dem Faszinosum der digitalen Welt. Mindestens ebenso wichtig ist das Thema Datenschutz. Ab zwölf Jahren soll den Kindern klar sein, dass auch sie Verantwortung tragen und mit Informationen im Netz sorgsam umgehen müssen. „Am besten erklärt man das anhand anschaulicher Beispiele“, rät Langer. Zum Beispiel: Welche Fotos würdest du an eine Litfaßsäule hängen? Eltern jüngerer Kinder sollten zudem Filter und Jugendschutzprogramme installieren, um sie vor verstörenden oder gefährlichen Inhalten zu schützen. Und der soziale Umgang im Netz will gelernt sein: Es sollte klar sein, dass Höflichkeit, Anstand und Respekt selbstverständlich auch dort gelten. „Dabei ist es wichtig, das übergeordnete Ziel nie aus den Augen zu verlieren“, sagt Langer, „nämlich, dass das Kind später als Erwachsener in der Lage ist, Medien bewusst und zum eigenen Vorteil zu nutzen und die kritische Distanz zu bewahren.“

Im alltäglichen Smartphone-Wahnsinn mag sich das wie eine Sisyphosaufgabe anfühlen, angesichts derer sich viele Eltern allein auf weiter Flur wähnen. Deshalb hält Langer auch die Zusammenarbeit der Eltern untereinander und mit der Schule für so wichtig. Familien und ­Lehrer sollten im Umgang mit den neuen Medien als Erziehungsgemeinschaft auftreten. „Das Smartphone ist eben nur begrenzt eine Privatsache“, sagt die Medienpädagogin. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch für Jugendliche die Privatsphäre im Netz gewährleistet sein muss. Totale Überwachung beschädigt das Vertrauens­verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Wer seinen Eltern nicht vertraut, wird ihnen wohl kaum von misslichen Erfahrungen oder gar Mobbing-Problemen im Klassen-Chat erzählen.

Eltern sind Vorbilder und stehen in der Verantwortung, ihren Kindern die nötige Medienkompetenz zu vermitteln.

Das gute Gefühl, etwas zu verpassen

Grundlegend für das Vertrauensverhältnis ist das Verhalten der Eltern. Sie haben in Sachen Smartphone Vorbildfunktion. Was Kinder beachten müssen, sollte genauso für Erwachsene gelten: Nicht gedankenlos intime Familienfotos auf Facebook posten, das Smartphone nicht rund um die Uhr zur Hand haben und vor allem nicht immer sofort danach greifen, wenn es piept und brummt. „Wir müssen das ständige Gefühl, irgendetwas zu verpassen, ernsthaft hinterfragen“, sagt Langer. Immer mehr Menschen tun das bereits und empfinden es als Befreiung. In Fachkreisen spricht man von „the joy of missing out“. Letztendlich geht es darum, sich vom Smartphone nicht den eigenen Alltag diktieren zu lassen. Das nämlich ist die wichtigste Lektion, die Kinder im Umgang mit der digitalen Technologie lernen müssen.

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Schau hin!

Das sollten Eltern beachten

Das richtige Handy: Wählen Sie ein Gerät, das dem Alter und den Bedürfnissen Ihres Kindes entspricht.
Kosten beachten: Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Kosten für Geräte, Gespräche, Datenübertragung und Internetnutzung. Für jüngere Kinder ist eine Prepaid-Karte ratsam.
Geräte sichern: Erklären Sie mit Ihrem Kind Sicherheitseinstellungen, Passwortvergabe und Virenschutzapps.
Regeln vereinbaren: Am besten auch schriftlich, das reduziert Konflikte und hilft dem Kind, selbstbewusst mit dem Smartphone umzugehen.
Medienpausen müssen sein: Vor allem im Bett und zur Schlafenszeit sollte das Handy außer Reichweite aufladen.
Daten schützen: Sichere Passwörter vergeben, private Daten nicht weitergeben, unbekannte Kontakte blockieren und Downloads und Anmeldungen anfangs nicht allein durchführen. Erklären Sie, wann mobile Daten, Bluetooth oder das GPS ausgeschaltet sein sollten.

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Schlafenszeit für Handys!

Die Bosch BKK unterstützt die Arbeit der Auerbach Stiftung für gesunde Medienerziehung und verteilt kosten­los 1.000 Exemplare des Pixi-Buchs „Papa, wann schläft dein Handy?“ an interessierte Eltern – ­solange der Vorrat reicht. Schauen Sie in einer unserer Geschäftsstellen vorbei und holen Sie sich Ihr persön­liches Exemplar oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit Namen und Anschrift an info@Bosch-BKK.de mit dem Stichwort „Pixi-Buch“.

Passend zum Pixi-Buch hat die Auerbach Stiftung auch eine App entwickelt, mit der Sie Ihr Handy vor dem Abendessen gemeinsam mit Ihren Kindern ins digitale Handybett legen können. Kostenlos erhältlich im App- und Google Play-Store.

Infos unter: Handybett

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