18.10.2021

Alles unter Kontrolle: Die Macht der Hormone

Text: Julia Alber; Fotos: Robert Kneschke, Rido – stock.adobe.com; Photocase/complize; iStock/YakobchukOlena

„Es geht nicht ohne sie“, sagt Prof. Dr. Stephan Petersenn. Der Endokrinologe von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e. V. (DGE) weiß um die Macht der Hormone, von denen es schätzungsweise an die Tausend gibt. Wir erklären, welche Hormone die wichtigsten sind, wie sie unseren Körper steuern und was hinter Hormonstörungen steckt.

Im Blick: Man sagt schon mal lapidar, „bei dem oder der spielen die Hormone verrückt“. Aber was sind eigentlich Hormone, und welche Aufgabe haben sie?

Prof. Petersenn: Hormone, das sind Botenstoffe. Sie übermitteln Nachrichten an eine Zielzelle oder vergleichbar einem „Serienbrief“ an mehrere Adressaten, die wichtig sind für viele, oft lebenswichtige Vorgänge im Körper. Reguliert und aufeinander abgestimmt laufen dadurch etwa Wachstum und Entwicklung, Sexualität und Fortpflanzung, der Salz- und Wasserhaushalt des Körpers ab, wie auch die Verwertung von Nährstoffen. Ihren Weg von einem Organ oder Gewebe zum anderen legen die Hormone im Blut zurück – alleine oder gebunden an Trägerstoffe. An den Rezeptoren der Zielzellen passen sie dann wie ein Schlüssel ins Schloss.

Hormone gelangen im Blut von einem Organ oder Gewebe zum anderen – ähnlich wie ein Schiff auf dem Meer.

Weiß man, wie viele Hormone es gibt?

Wir kennen so um die 50 Hormone, die für uns im medizinischen Alltag wichtig sind, die wir in Blut, Speichel und Urin messen können. Rund 50 weitere sind uns bekannt. Es gibt aber sicherlich weit mehr, schätzungsweise bis zu 1000.

Und wo werden diese Hormone alle gebildet?

Eine besonders wichtige Hormondrüse ist die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Dieser „Zentralcomputer“ produziert zum einen Hormone, die direkt auf einen Prozess einwirken, wie etwa das Oxytocin, das im Zusammenhang mit der Geburt wichtig ist und auf das Bindungsverhalten Einfluss hat. Oder auch das Wachstumshormon Somatotropin oder Prolaktin, das unter anderem die Milchproduktion in der Brustdrüse anregt. Zum anderen werden von der Hypophyse auch Hormone ausgeschüttet, die andere hormonbildende Drüsen stimulieren – wie etwa LH (Luteinisierendes Hormon) und FSH (Follikel-stimulierendes Hormon), die die Produktion der Geschlechtshormone in Eierstöcken und Hoden steuern.

Die Hypophyse wiederum wird durch den Hypothalamus – einen Teil des Gehirns – kontrolliert. Dort wird zum Beispiel TRH (Thyreotropin Releasing Hormon) ausgeschüttet, das in der Hypophyse die Ausschüttung von TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) stimuliert, das wiederum auf die Hormonproduktion in der Schilddrüse Einfluss nimmt. Schließlich werden Hormone auch in den Nebennieren und den sogenannten Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet. Zudem gibt es diffus im Körper verteilt hormonproduzierende Zellen. So schütten beispielsweise spezielle Zellen im Magen-Darm-Trakt Serotonin aus. Dieses ist im zentralen Nervensystem auch als „Glückshormon“ bekannt, da es unter anderem die Emotionen beeinflusst.

Die Infografik zeigt die wichtigsten Hormone im menschlichen Körper und wo sie gebildet werden. In der Infobox unter dem Beitrag finden Sie die Infografik als PDF zum Download.

Ginge es denn ohne das eine oder andere Hormon?

Nein. Alle Hormone sind wichtig – es geht nicht ohne sie. Das sind exakt aufeinander abgestimmte Regelkreise, damit die Wirkung der Hormone immer genau den aktuellen Bedürfnissen des Körpers entspricht.

Können Sie uns einige wichtige Hormone nennen?

Da ist das Wachstumshormon, welches ich eingangs schon vorgestellt habe. Außerdem T3 und T4, die Hormone der Schilddrüse. Sie kurbeln den Stoffwechsel an, während Insulin und Glukagon aus der Bauchspeicheldrüse für eine Balance des Blutzuckerspiegels sorgen. Insulin regt dabei die Zellen an, Zucker aufzunehmen, bedingt somit eine Senkung des Blutzuckerspiegels, und Glukagon hält dagegen. In der Nebenniere wird Aldosteron produziert, das für die Regulation der Wasser- und Salzausscheidung des Körpers entscheidend ist. Dort werden aber auch etwa die Stresshormone Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin gebildet, die es dem Menschen ermöglichen, in Gefahrensituationen schnell zu reagieren. Für die Ausbildung der Geschlechter und die Fortpflanzung sind Testosteron und Östrogen entscheidend. Die Geschlechtshormone werden übrigens nicht nur in Hoden und Eierstöcken gebildet, deshalb haben auch Männer einen gewissen Östrogenspiegel und bei Frauen findet sich auch Testosteron. Für unseren Tag-Wach-Rhythmus ist unter anderem das Hormon Melatonin verantwortlich, das hauptsächlich in der Zirbeldrüse (Epiphyse) gebildet wird.

Im Laufe des Lebens sind auch immer wieder unterschiedliche Hormone wichtig, oder?

Ja, das stimmt. Viele Hormone werden altersabhängig ausgeschüttet. Im Kindes- und Jugendalter ist natürlich das Wachstumshormon wichtig. Wird zu wenig Somatotropin produziert, kommt es zu einem verlangsamten Wachstum – zu viel davon führt zum Riesenwuchs. Bei einer Überproduktion im Alter wachsen die Knochen in die Breite, Finger und Füße werden dicker. In der Pubertät werden dann die Geschlechtshormone wichtig. Sie sorgen dafür, dass die Geschlechtsorgane reifen. Eher männliche Geschlechtsmerkmale sind auf das Testosteron zurückzuführen, eher weibliche auf die Östrogene. Die Östrogene regen unter anderem das Wachstum der Brustdrüsen an und den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Unter dem Einfluss von Progesteron kommt es zu einer Umwandlung der Gebärmutterschleimhaut – bei Ausbleiben einer Schwangerschaft und Abfall des Progesterons dann zur Blutung – so wird der Zyklus der Frau geregelt. Mit dem Alter und den Wechseljahren wird die Produktion der Sexualhormone besonders bei der Frau zurückgefahren, beim Mann in einem deutlich geringeren Ausmaß.

Manchmal gerät der Hormonhaushalt auch aus dem Gleichgewicht. Wie kommt es denn zu Hormonstörungen?

Bei Hormonstörungen ist der Regelkreis der Hormone gestört. Es kann zu viel von einem Hormon ausgeschüttet werden, zu wenig oder eventuell auch gar nichts. Es kann aber auch die Funktion eines Hormons gestört sein – seine Nachricht wird von der Zielzelle nicht erkannt. Ein Zuviel eines Hormons kann zum Beispiel auf einen Tumor in dem ausschüttenden Organ zurückzuführen sein, der dann gegebenenfalls operativ entfernt werden kann. Alle klassischen Hormonmangelsituationen sind heute durch den Ersatz der fehlenden Hormone behandelbar – die Schwierigkeit besteht allerdings in der sehr komplexen Diagnose.

Hormonstörungen sind heutzutage zwar gut behandelbar, allerdings ist die Diagnose oft komplex.

Welche Folgen können Hormonstörungen haben?

Recht bekannt ist die Schilddrüsenüber- wie auch -unterfunktion. Bei einer Überfunktion wird der Stoffwechsel zu stark angekurbelt, bei der Unterfunktion kommt es dagegen unter anderem zu Müdigkeit und Leistungsabfall. Erlischt die Hormonproduktion ganz oder fast, wie etwa in der Bauchspeicheldrüse, wenn kein Insulin mehr gebildet wird, ist ein Diabetes mellitus Typ 1 die Folge. Bei Diabetes mellitus Typ 2 wird hingegen zwar Insulin gebildet, aber die Zellen reagieren nicht auf dessen Nachricht, nehmen zu wenig Zucker aus dem Blut auf, und der Blutzucker steigt.

In den letzten Jahren hat das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), das vor allem bei jungen Frauen auftritt, viel Aufmerksamkeit erfahren. Die Betroffenen haben aufgrund einer Überproduktion von Testosteron in der Nebennierenrinde Zyklusstörungen – der Eisprung bleibt aus. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann allerdings auch auf ein Zuviel des Hormons Prolaktin zurückzuführen sein, das bei der Frau den Eisprung unterdrückt und beim Mann zu einer gestörten Libido führt.

Was nur wenig bekannt ist: Auch einem erhöhten Blutdruck kann eine Hormonstörung zugrunde liegen. Schütten die Nebennieren zu viel Aldosteron aus, wird weniger Urin ausgeschieden, das Flüssigkeitsvolumen in den Blutgefäßen erhöht sich, und der Blutdruck steigt.

Bei der Vielzahl geschätzter Hormone, werden da auch immer wieder neue entdeckt?

Durchaus. Relativ neu entdeckt ist das Hormon Leptin. Es wird vor allem von den Fettzellen des Körpers produziert und vermittelt dem Gehirn ein Sättigungsgefühl. Das durch Zufall entdeckte Hormon Ghrelin reguliert nicht nur die Ausschüttung des Wachstumshormons, es ist auch an der Steuerung des Hunger- und Sättigungsgefühls beteiligt. Läuft seine Regulation fehl, haben die Menschen ständig Hunger. Übergewicht, so wissen wir daher heute, ist eine Erkrankung, kein alleiniger Anpassungsfehler des Menschen, auch wenn wir noch nicht genau verstehen, wie die Balance der Hormone dabei gestört ist.

Das Hormon Ghrelin ist unter anderem für unser Sättigungsgefühl zuständig. Liegt es nicht in der richtigen Menge vor, hat man ständig Hunger. Übergewicht kann also auch durch eine Hormonstörung verursacht werden.

Infografik: Die Macht der Hormone

Welche Hormone sind die wichtigsten in unserem Körper und in welchem Organ werden Sie gebildet? Einen Überblick gibt unsere Infografik.

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