26.09.2018

Lagom: In der Mitte

Text: Stephanie Arns | Fotos: mauritius images/Johnér, MANÜ!/photocase, Jon Flobrant/unsplash, Marten Bjork/unsplash, Nina Lindgren/unsplash, Sebastian Sandqvist/unsplash

Die Schweden zählen zu den zufriedensten Menschen weltweit. Ihre Glücksformel lautet „Lagom“ – nicht zu viel und nicht zu wenig. Wie schaffen sie es, das richtige Maß zu finden?

Schon die Wikinger hatten den Dreh raus. Gerne ließen sie am Lagerfeuer einen Krug Met kreisen – der gerade so viel enthielt, dass jeder einen Schluck daraus nehmen konnte. Aus „Laget om“, was so viel heißt wie „einmal für die ganze Mannschaft“, wurde sprachlich verkürzt „Lagom“. Es bedeutet „genau richtig“ und ist ein viel benutztes Wort im Land der Elche. Gesundheit, Familie, Job? Alles Lagom! Die Schweden scheinen mit sich und der Welt im Reinen. Das bestätigt auch der World Happiness Report der Vereinten Nationen, das Land rangiert hier unter den Top Ten der Glücklichen. Wie machen die Schweden das?

Zwischen zu viel und zu wenig

„Es ist vor allem ihre Einstellung, das richtige Maß zu suchen, fern von Übertreibungen und Extremen“, sagt Olof Brolien. Er muss es wissen, denn er ist selbst Schwede und beschäftigt sich beruflich mit Lagom als Lebenskonzept. Als Coach hilft er seinen Klienten, ihren Weg zu finden. Die Lehre von der Mitte ist nicht neu. Aristoteles philosophierte bereits von einem goldenen Mittelweg, und die fernöstliche Lehre von Yin und Yang prophezeit Harmonie, wenn polarisierende Kräfte im Einklang sind. Doch das Gleichgewicht ist gestört. Die Menschen, sagt Olof Brolien, seien oft umgeben von zu vielen Dingen, Informationen, Ablenkungen und hätten zu wenig Ruhe und Muße. Wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig, wir machen zu viel und verweilen zu wenig im Augenblick. Lagom will die nötige Balance zwischen nicht zu viel und nicht zu wenig schaffen. Seit Jahren steigen stressbedingte Erkrankungen wie Schlafstörungen und Depressionen – auch in Schweden. Das „immer mehr“ funktioniere nicht länger, glaubt Brolien. Vielmehr gelte es, nachhaltig zu leben und Ressourcen sinnvoll zu nutzen – auch die eigenen. Olof Brolien und seine Frau Anne, die auch als Coach arbeitet, haben daher die „Lagom-Era“ ausgerufen: „Menschen sehnen sich nach innerer Ausgeglichenheit.“ Trotzdem haben sie hohe Erwartungen an sich und das Leben, wollen alles optimieren und perfektionieren und setzen sich damit selbst unter enormen Druck. „Das alles macht unzufrieden und man verlernt, bewusst im Hier und Jetzt zu leben“, weiß Anne Brolien.

Zu viel essen, zu wenig bewegen - das sieht Olof Brolien als einen Grund, warum wir immer mehr aus dem Gleichgewicht geraten.

Wahrnehmen, was tatsächlich ist

Um den passenden Weg zu finden, sollte man sich fragen: Was will ich eigentlich? Von welchen Vorstellungen verabschiede ich mich besser? Bin ich noch in meiner Mitte? Ein individueller Prozess, der sich im Laufe der Zeit immer wieder wandelt. „Lagom bedeutet wahrzunehmen, was tatsächlich ist, und diese Realität zu akzeptieren und wert­zuschätzen“, sagt Brolien. Hier spielt auch das Konzept der Achtsamkeit eine große Rolle. Durch meditative Übungen wird der Fokus auf den gegenwärtigen Moment gelenkt, das hilft zur Ruhe zu kommen und sich seiner selbst gewahr zu werden. In Schweden wird diese Technik bereits in Kindergärten und Schulen praktiziert und darüber hinaus als Standardtherapie gegen Depressionen und speziell Erschöpfungsdepressionen wie dem Burnout eingesetzt. „Achtsamkeit allein ist jedoch kein Allheilmittel. So nach dem Motto, ich meditiere zwei Stunden und alles wird gut“, stellt Anne Brolien klar. Es gehe vielmehr darum, Schwierigkeiten zu meistern und aus seinen Fehlern auch zu lernen. „Das Leben hat Höhen und Tiefen, Lagom heißt, diese anzunehmen und daran zu wachsen.“ Der Weg zur Zufriedenheit führt für sie über Wahrnehmen, Wertschätzen und Wachsen.

In Schweden erlernen bereits Kinder in Kindergarten und Schule die Übungen, um das eigene Gleichgewicht zu finden.

Lebenseinstellung statt Lifestyle

Und der Wohlfühlfaktor? Wie bei den Dänen, deren Hygge Gemütlichkeit als modischen Trend zelebriert, gibt es auch Lagom inzwischen in Form von Kochbüchern, Kosmetikartikeln, Mode- und Wohnaccessoires. Doch Lagom lässt sich nicht konsumieren. Es geht nicht um Lifestyle, sondern um eine Lebenseinstellung. „Lagom entsteht dadurch, was man täglich denkt und tut“, erklärt Olof Brolien. Das fängt schon mit dem Hinterfragen von Gewohnheiten an: Kann ich nicht auch mal privat und in der Arbeit Nein sagen, wenn mir alles zu viel wird? Habe ich genug Zeit für mich alleine? Trage ich überhaupt all die Klamotten in meinem Kleiderschrank? Warum esse ich dieses Stück Kuchen, obwohl ich satt bin? Und brauche ich wirklich all diese Dinge, die sich im Einkaufswagen stapeln? Darüber lohnt es sich nachzudenken, denn weniger ist oft mehr.

Lagom ist kein Lifestyle, wie er nur allzugern von Unternehmen für ihre Produkte gekapert wird, sondern eine Lebenseinstellung.

Buchtipps
Linnea Dunne: Lagom – glücklich leben in Balance, Callwey Verlag

Dr. Anne Brolien, Olof Brolien: Lagom achtsam – Mehr Balance und Zufriedenheit durch weniger Druck und Stress, Lagom-Era, Band 1.

Lola A. Akerström: In der Mitte liegt das Glück, Knesebeck Verlag

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