22.03.2019

Stadt statt Studio

Text: Stephanie Arns Fotos: Mike Shots, Dirima, iStock, Ivlandas, Fotolia, jacoblund

Wenn der öffentliche Raum zum Fitnessstudio wird: Outdoor-Sportarten wie Calisthenics, Freeletics oder Parcours erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Ausreden gibt es nicht: Mehrmals pro Woche treffen sich in ganz Deutschland Fitnessbegeisterte, um sich in Parks oder auf städtischen Plätzen bei Kniebeugen, Liegestützen oder Klimmzügen zu verausgaben. In sozialen Netzwerken organisiert, schätzt eine wachsende Community den Freiluftsport, preist das Gemeinschaftsgefühl sowie den athletisch gestählten Körper – gerne dokumentiert in Vorher-nachher-Fotos: von schlaff zu straff. Das alles ohne Ausrüstung, kostenlos und an der frischen Luft.

Die Open-Air-Athleten sind dabei so motiviert wie erfinderisch. Parkbänke, Baumstämme oder Stangen werden für ihre Zwecke genutzt. Viele Städte haben reagiert und die nötige Infrastruktur geschaffen: Workout-Parks mit Klettergerüsten, Sprossenwänden und Hangelstrecken, auch die guten alten Trimm-dich-Pfade werden wiederbelebt. Sport wird aus den Fitnesszentren in den öffentlichen Raum getragen. Woran liegt das? „Die Menschen haben zunehmend den Drang, an ihr Limit zu gehen und sich zu spüren – am liebsten mit anderen und draußen“, weiß die Sportphysiotherapeutin des Deutschen Olympischen Sportbundes Ira Smejkal, die selbst ein Outdoor-Workout entwickelt hat.

Körpergewicht statt Hanteln

Klingt neu, ist es aber nicht. Schon im alten Griechenland gab es die Tradition der Kallisthenie, ein langsam fließendes Krafttraining nur mithilfe des Körpergewichts. Die Klassiker dieser Disziplin: Klimmzüge und Liegestütze. In den 1920er-Jahren setzte sich in Österreich das „natürliche Turnen“ durch. Die Bewegungen sollten den individuellen Fähigkeiten entsprechen. In Frankreich gab es zeitgleich die „Méthode Naturelle“, aus der die Sportart Parcours hervorging.

Deren Gründer David Belle hat als Kind freie Bewegungsabläufe in der Natur praktiziert. 1980 übertrug er seine Methode auf die Stadt. In einem Pariser Vorort übte er, die Hindernisse zu überwinden, die sich ihm in den Weg stellten: von Mülleimern und Geländern bis hin zu Mauern und Gebäudefassaden. „Das Rad wird auch im Sport nicht immer neu erfunden“, stellt Smejkal fest. So ist Kallisthenie vor gut zehn Jahren in New York wiederentdeckt und als Calisthenics oder Street-Workout weiterentwickelt worden. Das spektakulärste Manöver dieser Sportart: die lebende Fahne, bei der der Körper waagrecht in der Schwebe gehalten wird.

Höher, schneller, weiter

Passend zum digitalen Zeitalter kreierte 2013 ein Münchner Unternehmen die Freeletics: dynamische Eigengewichtsübungen, die mit einer App kontrolliert werden. Sit-ups, Liegestütze, Kniebeugen und Strecksprünge werden in schneller Abfolge bis zu 90 Mal wiederholt, insgesamt 30 Minuten lang. Je kürzer die Zeit pro Übungseinheit, desto erfolgreicher ist der „freie Athlet“. Bei Freeletics geht es um Leistung im Vergleich mit sich selbst und anderen. Immer höher, schneller, weiter – eine Entwicklung, die man im Sport oft beobachten kann. Auch in Calisthenics werden mittlerweile Weltmeisterschaften ausgetragen, beim Parcours versuchen Profis, möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Sportmedizinisch sind die neuen Trends durchaus sinnvoll, so Smejkal. Bei Calisthenics würden durch die langsamen, gehaltenen Bewegungen Kraft und Ausdauer trainiert. Das schweißtreibende Freeletics hingegen geht ans körperliche Limit und steigert so die Kondition. Auch Muskelaufbau, Stoffwechsel sowie Fettverbrennung werden angekurbelt. Parcours, das Laufen, Klettern und Springen über Hindernisse im Gelände, fördere vor allem komplexe Bewegungsabläufe.

„Was Kindern noch gegeben ist, muss man als Erwachsener oft wieder erlernen“, weiß Smejkal. „Parcours ist ein so flexibles wie funktionelles Training, das den Körper dreifach schult. Ein Effekt, den man mit Gerätetraining im Studio nicht erreicht.“ Und gerade Geschicklichkeit sei wichtig, denn sie stärke auch Selbstwirksamkeit und Entschlossenheit: „Je beweglicher der Körper, desto beweglicher der Geist.“

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