24.03.2020

Regenbögen

Text: Elisa Holz Foto: Alexander Schmitt

Im LGBT * IQ-Netzwerk bei Bosch engagieren sich Menschen diverser sexueller Orientierungen und Geschlechteridentitäten.

Fast drei Minuten läuft das Video schon, als Olaf Schreiber, im knallorangenen Hemd, selbst vor die Kamera tritt und ein Hoch auf den farbenprächtigen Regenbogen ausspricht, der für die bunte Vielfalt an sexuellen Orientierungen und Geschlechteridentitäten bei Bosch steht. Schreiber ist Sprecher des LGBT*IQ-Netzwerks der Bosch GmbH. Sein Auftritt macht deutlich: Als homosexueller Mann muss er sich bei Bosch nicht verstecken. Das Video hat das Netzwerk zusammen mit Kolleg*innen gedreht anlässlich des Internationalen Tags gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, kurz IDAHOBIT. Der Tag wird jedes Jahr gefeiert, um auf Diskriminierung von Menschen aufmerksam zu machen, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen oder sich nicht in eine der beiden Geschlechterschub­laden „Mann“ oder „Frau“ stecken lassen wollen.

Stolz und Sichtbarkeit

Wenn es um Diversität und Vielfalt geht, sind häufig lange Abkürzungen im Spiel. LGBT*IQ ist dafür ein Beispiel. Das Netzwerk bei Bosch, gegründet unter dem Namen „Robert Bosch gay“ (RBg), hat seinen Fokus längst erweitert. Die Community besteht weltweit aus circa 600 lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, intersexuellen und queeren Kolleg*innen. Zusammen sind sie: das LGBT*IQ-Netzwerk bei Bosch. Seit 2006 existiert das Netzwerk innerhalb der Bosch-Familie. Man traf sich privat, offi­ziell wusste niemand etwas von der Gruppe. Erst sechs Jahre später hatte das Netzwerk sein Coming-out innerhalb des Unternehmens. Es war damals kein leichter, aber ein wichtiger Schritt, erinnert sich Schreiber. Neben dem Gefühl der Befreiung und dem Stolz, sich nicht mehr verstecken zu wollen, brachte die Entscheidung auch eine gewisse Anspannung mit sich. „Es war nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen“, erzählt der Projektleiter. Als die Gruppe für Bosch 2014 das erste Mal offiziell am Chris­topher Street Day in Stuttgart teilnahm, gab es intern kontroverse Diskussionen und auch ablehnende Reaktionen.

Die Regenbogenfahne wurde 1996 erstmals an einem öffentlichen Gebäude in Deutschland gehisst - und zog prompt den "Berliner Flaggenkrieg" nach sich. Der erste Auftritt auf dem Christopher Street Day 2014 war für das LGBT*IQ-Netzwerk der Bosch GmbH ein wichtiger Schritt in die Öffentlichkeit.

Raus aus den Schubladen

Mit den Jahren aber ist es selbstverständlicher geworden, am Arbeitsplatz offen schwul, lesbisch oder divers zu sein. Das LGBT*IQ-Netzwerk hat Verbündete in der Führungsebene und viele „Allies“, also Unterstützer in der Belegschaft. Es gibt regelmäßig Veranstaltungen und Workshops, zum Beispiel zum Thema „dritte Geschlechtsoption“. Diese Option wurde Ende 2018 sogar ins Geburtsregister aufgenommen und betrifft Menschen, die sich weder eindeutig als Mann noch als Frau fühlen. Dazu gehört auch Nils_Séline Schächtele, System-Testingenieur_in bei Bosch und Mitglied im Organisationsteam des Netzwerks. Sie_er bezeichnet sich als divers. „Die Sichtbarkeit von Diversität bei Bosch geht weit über sexuelle Orientierung und Gleichstellung von Frau und Mann hinaus“, erklärt Schächtele. Schon ihr_sein Doppelname spricht für sich. Gelegentlich macht sie_er ihre_seine geschlechtliche Identität von sich aus zum Thema – aber nur, wenn Leute Offenheit für das Thema signalisieren. Denn wenn es um das dritte Geschlecht geht, herrscht nach ihrer_seiner Beobachtung immer noch Unbehagen und Unsicherheit. Claudia Fuhrmann hat es diesbezüglich vielleicht ein bisschen leichter. Als lesbische Frau spricht sie in der Arbeit mit ihren Kolleg*innen ganz selbstverständlich über ihr Privatleben mit ihrer Frau – von Hochzeitsvorbereitungen, von Unternehmungen am Wochenende. Diese Offenheit erzeugt mehr Offenheit, das zumindest ist auch ihre Erfahrung. Sie hat sich als junge Inge­nieurin damals ganz bewusst für Bosch als Arbeitgeber entschieden – auch wegen dieser offen diversen Unternehmenskultur. Sich ständig verstecken zu müssen, kostet viel Nerven und Energie. „Seit ich mich am Arbeitsplatz geoutet habe und dadurch authentischer bin, fühle ich mich besser und habe viel mehr Schaffenskraft“, bestätigt auch Nils_Séline Schächtele. So gesehen trägt Diversität auf jeden Fall zum Erfolg eines Unternehmens bei.

Alle sind anders

Diversity verbessert das Betriebsklima, fördert die Innovationskraft und macht ein Unternehmen attraktiver für junge, progressiv eingestellte Arbeitskräfte. Aber es verbindet sich damit auch eine gesamtgesellschaftliche Forderung – egal ob das ein Familiennetzwerk ist, ein Frauennetzwerk – oder eben ein Netzwerk für die LGBT*IQ-Community. „Mein Ziel ist es, dass diese Schubladen irgendwann nicht mehr gebraucht werden, weil alle in ihrer Einzigartigkeit wertgeschätzt werden“, sagt Claudia Fuhrmann. Deshalb ist es letztendlich das Ziel des Netzwerks, sich irgendwann selbst überflüssig zu machen. „Wir sind alle anders“, sagt Schreiber. Und so gesehen eben auch gleich.

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