14.06.2017

Schnelle und unbürokratische Hilfe für Sie

Interview: Katrin Lange | Fotos: Highwaystarz-Photography/istockphoto, AOK Baden-Württemberg

Der Esslinger Psychotherapeut Rolf Wachendorf über das Facharztprogramm der Bosch BKK, das psychisch Kranken schnelleren Zugang zu therapeutischer Hilfe ermöglicht.

Im Blick: Wie lange müssen Menschen, die dringend Hilfe brauchen, normalerweise auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten?
Rolf Wachendorf: Zwischen drei Monaten bis zu einem Jahr.

Wie kommt es dazu?
Zum einen ist der Bedarf sehr groß. Zum anderen gibt es eine sehr ausgeprägte Bürokratie im Antrags-, Genehmigungs- und Gutachterverfahren.

Welche Vorteile bietet das Facharztprogramm für die Patienten?
Schon seit fünf Jahren garantiert das Programm den Patienten eine zeitnahe Aufnahme an allen Wartelisten vorbei. Darüber hinaus können die Therapeuten vieles tun, was wissenschaftlich nachgewiesen hilft. In der Regelversorgung dürfen wir viele Methoden, die sich in der Therapieforschung bewährt haben, nicht anwenden.

Dr. Rolf Wachendorf ist im Vorstand des Ärzteverbands MEDI Baden-Württemberg und war an der Ausgestaltung des Facharztprogramms maßgeblich beteiligt.

Wer darf im Rahmen des Facharztprogramms ohne lange Wartezeit zu Ihnen kommen?
Akute Fälle sind immer die, bei denen nicht nur der Arzt eine Dringlichkeit sieht, sondern vor allem der Patient. Das kann zum Beispiel jemand sein, der an Herzschmerzen als Begleit­erscheinung von Panikattacken leidet. Im Krankenhaus hat man ihm gesagt: „Alles okay, machen Sie sich keine Sorgen.“ Aber niemand erklärt ihm die Ursachen. In der Psychotherapie zeigen wir dem Patienten, wie seine Angst­attacken funktionieren und was er dagegen unternehmen kann. Geschieht das rechtzeitig, sinkt das Risiko, dass die Beschwerden chronisch werden.

Was sind die wichtigsten Vorteile des Facharztprogramms für Sie als Psychotherapeut?
Ganz klar mehr Lebensqualität! Ich rege mich täglich über die bürokratischen Bestimmungen auf. Und die werden mir im Facharztprogramm erspart. Das ist wertvolle Arbeitszeit, die ich meinen Patienten widmen kann. Aber nicht nur das: Pro Gutachten brauche ich rund drei Stunden. Da ich das während der Praxisöffnungszeiten gar nicht schaffe, muss ich die Gutachten am Wochenende zu Hause schreiben. Ein weiterer Punkt ist die Honorarstruktur. Die anstrengendste Arbeit für Therapeuten sind die ersten Sitzungen mit einem Patienten. Da müssen sie in kürzester Zeit einen Kontakt zum Betroffenen herstellen und verstehen, um was es geht. Im Facharztprogramm werden diese Sitzungen am höchsten honoriert. Im normalen System ist es genau umgekehrt. Darin werden Therapeuten, die gerne neue Leute aufnehmen, wirtschaftlich bestraft. Viele unserer Patienten wären – obwohl sie schwer erkrankt sind – ohne das Facharztprogramm nicht in unseren Praxen angekommen.

Wie funktioniert die Terminvergabe im Facharztprogramm?
Im subjektiven Notfall ruft der Patient direkt bei uns an. Wenn es nicht ganz so eilig ist, kommt er mit einer Überweisung vom Hausarzt. Der Hausarzt ist wie der Pilot für alle, einschließlich der psychischen Krankheiten.

Helfen Haus- und Facharztverträge dabei, das Gesundheitssystem zu verbessern?
Unbedingt, denn so gibt es immer eine Instanz, bei der alle Befunde zusammenlaufen. Gerade in der Psychotherapie ist die Kooperation zwischen Hausarzt und Therapeut extrem wichtig. Welche Medikamente nimmt der Patient? Wie lange soll man krankschreiben? Da brauchen wir einen Austausch an Informationen.

Arbeiten Sie auch mit den Patientenbegleitern der Bosch BKK zusammen?
Ja, das tue ich. Es gibt viele Pat­ienten, die krankheitsbedingt große Schwierigkeiten hätten, in eine psychotherapeutische Praxis zu kommen. Wer zum Beispiel nicht sehr durchsetzungsfähig ist, der ruft nicht x-mal an und holt sich ein Nein ab. Viele unserer Patienten sind auch auf Unterstützung angewiesen, um die Hilfen, die eine Krankenkasse anbieten kann, zu koordinieren.

Es wird doch auch in der Regelver­sorgung immer wieder nachgebessert. Wird das Facharztprogramm dadurch überflüssig?
Nein, auf gar keinen Fall. Die Regelversorgung hinkt immer mindestens zehn Jahre den aktuellen Forschungsergebnissen hinterher. Das Facharztprogramm hingegen ist aktuell. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Honorarstruktur. Man hat jetzt zwar anerkannt, dass eine Akutversorgung wichtig ist, aber die falsche Honorarstruktur ist geblieben. Das hat viele Therapeuten frustriert. Auch deshalb bekomme ich derzeit täglich mehrere E-Mails, in denen sich Kollegen dafür bedanken, dass es dieses Facharztprogramm gibt. Ich gehe davon aus, dass noch viel mehr Therapeuten in das Programm eintreten werden.

Neue Wege gehen

Mit ihrem Facharztprogramm ist die Bosch BKK ein Pionier bei der Versorgung psychisch kranker Menschen. Gerade bei psychischen Leiden bestand auch dringender Handlungsbedarf. In dem Bereich nämlich warten Betroffene normalerweise monatelang auf einen Termin beim Therapeuten. Grund dafür sind unter anderem die Regeln für die Vergütung von Psychotherapeuten und Psychiatern.

In Baden-Württemberg haben die Bosch BKK und ausgewählte Ärzte ein alternatives Honorarsystem vereinbart, das Ärzten und Therapeuten die Behandlung von Patienten in akuten Fällen zunächst höher vergütet. Außerdem verringert das Facharztprogramm den hohen bürokratischen Aufwand für Ärzte und Therapeuten, sodass mehr Zeit für die Behandlung der Patienten bleibt. Die Win-win-Situation für Arzt und Patienten macht es wahrscheinlich, dass in diesem Bereich mehr Bewegung in das Gesundheitssystem kommt.

Informationen zum Facharztprogramm Baden-Württemberg

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Bei psychischen Problemen oder anderen Erkrankungen sind die BKK-Patientenbegleiter für die Patienten im Facharztprogramm da und leisten wichtige Arbeit. Sehen Sie selbst.

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