09.06.2020

Neurodermitis: Wenn die Haut krank ist

Fotos: Pixel-shot, Science Photo Library, Wojciech Kozielczyk / Alamy Stock Photo Text: Stephanie Arns

Häufiges Händewaschen und Desinfizieren: Was in Zeiten von Corona selbstverständlich und sinnvoll ist, stellt Menschen mit chronischen Hauterkrankungen wie Neurodermitis vor große Herausforderungen. Denn zu viel Hygiene kann diese noch verschlimmern. Was hilft, die Symptome zu lindern?

Unsere Haut ist als Grenzfläche zwischen Körper und Umwelt ständigen Angriffen ausgesetzt: durch Strahlung, mechanische Reize, Allergene, Krankheitserreger. Gemeinsam mit dem Immunsystem bildet die Haut, unser größtes Organ, eine wichtige Schutzfunktion für den Körper. Wenn diese beeinträchtigt ist und das Zusammenspiel mit dem Immunsystem aus dem Gleichgewicht gerät, reagiert die Haut mit einer chronischen Entzündung, einer Neurodermitis. Sie ist gerötet, schuppt ab, juckt stark, es bilden sich Hautverdickungen oder Ekzeme. Befallen sind davon vorzugsweise Gesicht, Nacken und Hals, die Armbeugen, Kniekehlen und Hände. Charakteristisch sind auch Blässe um den Mund, ausgedünnte Augenbrauen oder eine doppelte untere Lidfalte, auch Bindehautentzündungen oder grauer Star können auftreten. Neurodermitis kann eine schwere Last sein. Der besonders in der Nacht stark ausgeprägte Juckreiz lässt Betroffene oft schlecht schlafen. Und auch die Psyche leidet: Die Hauterkrankung ist zwar nicht ansteckend, wird von vielen jedoch als ästhetisches Problem wahrgenommen. 

Neurodermitis – ein Zusammenspiel aus Genen und Umwelt

Neurodermitis beginnt oft im Säuglings- und Kleinkindalter und verbessert sich häufig in der Pubertät. Etwa fünf bis 20 Prozent der Kinder und ein bis drei Prozent der Erwachsenen sind von ihr betroffen. Warum sie ausbricht, ist nicht vollständig geklärt. Eine große Rolle spielt die familiäre Veranlagung. Neurodermitis ist eine komplexe Erkrankung, ein Zusammenspiel von Genen und Umweltfaktoren. Die Schutzfunktion der Haut ist herabgesetzt, Experten vermuten, dass ein genetisch bedingter Mangel bestimmter Eiweiße diese anfälliger macht. Die Haut trocknet aus und juckt, Kratzen verstärkt die Entzündungsreaktion – ebenso wie die Besiedelung mit Bakterien, Viren oder Pilzen. Das Immunsystem reagiert und bildet vermehrt Antikörper wie Immunglobuline. Es kommt zu einer stetigen Sensibilisierung und schließlich zu Überempfindlichkeitsreaktionen – auch auf eigentlich harmlose Reize wie Textilien, Wasch- und Putzmittel, Duft- und Konservierungsstoffe, bestimmte Nahrungsmittel oder auch extremes Klima wie Hitze, Kälte, Schwüle oder Trockenheit. Neurodermitis verläuft in einzelnen Schüben unterschiedlicher Dauer und Schwere. Auch Stress kann diese Schübe auslösen, die Symptome stehen in enger Wechselwirkung mit der psychischen Verfassung. Ein Teufelskreis.

Bei Neurodermitis ist die Schutzfunktion der Haut herabgesetzt. Sie trocknet aus, ist gerötet und juckt stark. Durch Kratzen wird die Entzündungsreaktion verstärkt. Es bilden sich Ekzeme – ein Einfallstor für Krankheitserreger.

Die chronische Hauterkrankung ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. 

Aus medizinischer Sicht wird Neurodermitis als eine Art Autoimmunerkrankung (das Immunsystem greift eigene Hautzellen an) verbunden mit chronisch-entzündlichen Allergiesymptomen verstanden. Sie zählt wie allergisches Asthma, Heuschnupfen und Nahrungsmittelallergien daher zu den atopischen Erkrankungen. Unter Atopie versteht man die Neigung zu allergischen bzw. immunologischen Reaktionen auf bestimmte Reize. Neurodermitis ist zwar strenggenommen keine Allergie, sondern eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, wegen ihrer Überempfindlichkeit gegenüber Umweltreizen wird sie jedoch auch atopisches Ekzem bzw. atopische Dermatitis genannt. Als mögliche Ursachen für die Zunahme von atopischen Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten werden veränderte Lebensumstände und Hygienemaßnahmen diskutiert. Eine zu keimfreie Umgebung könnte dazu führen, dass das Immunsystem im Kindesalter nicht richtig „trainiert“ wird und dann „überreagiert“. 

Die genetische Veranlagung für atopische Erkrankungen bleibt ein Leben lang bestehen. Neurodermitis ist daher nicht heilbar, aber gut behandelbar. Ziel ist es, die Symptome für einen längeren Zeitraum zum Verschwinden zu bringen bzw. zu lindern. So individuell das Erscheinungsbild und der Verlauf der Krankheit ist, so individuell ist ihre Behandlung. Entscheidend ist eine tägliche Basispflege der ausgetrockneten, gereizten Haut. Salben und Lotionen mit harnstoffhaltigen Substanzen oder Wasser-Öl-Emulsionen können die Schutzfunktion der Haut nachhaltig stabilisieren. Auch spezielle Ölbäder helfen, ihre Rückfettung zu erhöhen. Auf zu häufiges und heißes Duschen und Baden sollte allerdings verzichtet werden. Wichtig ist es zudem, Dinge zu meiden, die die Haut unnötig irritieren. Während eines Krankheitsschubes ist es entscheidend, den Juckreiz zu behandeln, um Entzündungen rechtzeitig vorzubeugen. Hier helfen Cremes ebenso wie das nächtliche Tragen von Baumwollhandschuhen. 

Neurodermitiker müssen oft bestimmte Nahrungsmittel sowie Substanzen wie Duft- und Konservierungsstoffe oder auch raue Kleidung meiden, da sie darauf mit allergischen Symptomen reagieren können.

Wissen, was guttut: wenig Stress und ein ausgeglichenes Leben 

Sind die betroffenen Hautstellen bereits stark zerkratzt oder nässen, sind sie ein Einfallstor für Krankheitserreger. In diesem Fall sollte ein Arzt bzw. Dermatologe konsultiert werden. Um Infektionen zu vermeiden, werden die betroffenen Hautpartien mit entzündungshemmenden Wirkstoffen behandelt. Bei schweren Fällen müssen oft zusätzlich Medikamente eingenommen werden. Eine Lichttherapie, also die Bestrahlung mit hochdosierten UV-Licht, erzielt bei einigen Patienten gute Ergebnisse. Auch eine Desensibilisierung bei Allergien kann die Erkrankung bei einigen langfristig bessern. Studien haben gezeigt, dass es wichtig ist, Betroffene über die Besonderheiten von Neurodermitis umfassend aufzuklären. Sie kommen dann besser mit der Erkrankung zurecht, auch weil sie wissen was ihnen guttut: eine abgestimmte Ernährung, weniger Stress, ein ausgeglichenes Leben. Oft hilft auch ein Ortswechsel: ein Urlaub am Meer mit Salzwasser und Sonnenlicht oder ein Aufenthalt in sauberer Gebirgsluft. 

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