15.12.2020

Therapietiere: Zurück ins Leben mit Smiley und Lia

Fotos: iStock-RapidEye, Laura Metzger (Foto Daniela Hoffmann mit Therapiehunden), Stocksy-Alina Hvostikova, iStock-RyanJLane Text: Bianca Menzel

Bei körperlichen und seelischen Erkrankungen kommt der Mensch allein oftmals nicht weiter. Mithilfe tiergestützter Therapie kann bereits die körperliche Anwesenheit und Nähe eines Hundes, Pferdes oder Alpakas viel verändern. Denn durch ihre feinfühlige Art finden Therapietiere einen besonderen Zugang zu den Patienten.

Mit ihren Pfoten bringt Hündin Smiley den großen Schaumstoffwürfel in Bewegung. Auf dem Würfel sind alte Fotos von Pflegeheim-Bewohnerin Klara* zu sehen. Die sonst nicht sehr redselige Seniorin schwelgt in Erinnerungen und erzählt auf einmal von früher. Von ihrer Arbeit, ihrem Heimatort, der alten Dorfkirche. Es ist eine willkommene Ablenkung im sonst so tristen Alltag. Nach dem Würfelspiel hat sich Smiley ein Leckerli verdient. Auch wenn die motorischen Fähigkeiten nachgelassen haben, mit dem Futterbeutel kommt Klara mittlerweile gut zurecht: Öffnen, Befüllen, Schließen und sogar Werfen. Und wer kann schon den treuen, braunen Hundeaugen wiederstehen? Die Stunde vergeht wie im Flug. Für eine letzte Streicheleinheit ist aber noch Zeit.

Daniela Hoffmann mit ihren Therapiehunden Lia und Smiley.

„Hunde können Grenzen durchbrechen, die der Mensch alleine nicht überwinden kann. Schon alleine durch die Berührung des Fells werden Gefühle von Liebe, Wärme und Vertrauen geweckt. Das macht schon viel aus. Gerade bei Menschen, die einsam oder traurig sind“, erzählt die psychologische Beraterin und Tiertherapeutin Daniela Hoffmann. Mit ihrer tiergestützten Therapie „Helfende Pfote“ macht sie Hausbesuche, ist in Seniorenheimen und medizinischen Einrichtungen im Einsatz, bei Physiotherapien, Ergotherapien, in Psychiatrien und Kinderkliniken. Immer mit dabei: ihre Australian Shepherds Smiley und Lia.

Therapietiere werden bei physischen und psychischen Erkrankungen eingesetzt

Mit beiden Hündinnen hat Daniela Hoffmann die Ausbildung zum Therapiehundeteam an der Hundeschule Baden-Württemberg abgeschlossen. „Die Liebe zu Hunden wurde mir in die Wiege gelegt. Mein Vater betrieb eine Schäferhund-Zucht mit Hundeausbildung, in die ich recht früh helfend einstieg“, erzählt die Therapeutin aus Remseck, die noch zu 50 Prozent als Versicherungskauffrau arbeitet. „Die Tiertherapie ist mein Herzensgeschäft“, betont Hoffmann. Es sei unglaublich, wie schnell die Hunde den Menschen spiegeln.

Therapietiere spenden Trost, Geborgenheit und Wärme.

Laut Doktor Gerald Gatterer, Psychologe und Vorstandsmitglied des Vereins „Tiere als Therapeuten“ (TAT), versteht man unter tiergestützter Therapie Maßnahmen, bei denen durch den Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden können. Die Tiere werden bei physischen sowie psychischen Erkrankungen wie Demenz, Angststörungen, Depressionen, Schizophrenie, Muskelschwund oder auch bei Wachkomapatienten eingesetzt. Das Therapie-Team Mensch-Tier bildet dabei stets eine Einheit. Es werden jedoch nicht nur Hunde eingesetzt. Auch Kaninchen, Pferde, Alpakas, Esel oder Delfine können als Therapietiere ausgebildet werden.

Und die Erfolge sprechen für sich. Tiere können sowohl kognitiv-sprachliche, als auch emotional-soziale und körperliche Effekte bei den Patienten erzielen. Sie steigern beispielsweise die Aufmerksamkeitspanne und erleichtern die Kontaktaufnahme. Schließlich besitzen Tiere keine Vorurteile und gehen unbefangen auf Menschen zu. Zudem erhöhen sie die Interaktionsbereitschaft, verhindern soziale Isolation, spenden Trost, Geborgenheit und Wärme. Therapietiere sind Türöffner, Motivator und Brückenbauer – ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Genesung, egal um welche Erkrankung es sich handelt. Außerdem wirkt der Umgang mit Tieren stressreduzierend. Langzeitstudien belegen, dass das Streicheln eines Tieres positive Wirkung auf Puls und Blutdruck hat. Stress und Aggressionen werden abgebaut.

Therapietiere sind Türöffner, Motivator und Brückenbauer - ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Genesung, egal, um welche Erkrankung es sich handelt.

Tiergestützte Therapie hilft Jung und Alt

„Wenn ich ins Seniorenheim komme, würden die Bewohner mit mir alleine nicht spazieren gehen. Mit dem Hund aber geht es. Da werden die Schuhe auf einmal angezogen. Smiley und Lia können anders aktivieren. Sie sind einfach ein Stimmungsaufheller“, beschreibt Hoffmann. Und da Bewegung oft zu körperlichem und seelischem Wohlbefinden beiträgt, bedeutet diese Mobilisierung einen Schritt zurück ins Leben.

Smiley und Lia werden aber auch häufig in der Kinder-und Jugendtherapie eingesetzt. „Viele Kinder zwischen 10 und 15 Jahren leiden unter Schulangst, Panikattacken oder Trennungsängsten“, weiß die Therapeutin. Erst kürzlich bekam Daniela Hoffmann einen Brief von einem 13-jährigen Mädchen mit Schulangst. Smiley habe ihr zur Seite gestanden und gezeigt, dass alles gut werde. Mit Lia sei sie gemeinsam vorangegangen und die Hündin habe ihr das Schöne im Leben gezeigt. „Jetzt geht sie wieder in die Schule. Sie hat durch die Hunde Selbstvertrauen gewonnen. Gibt ihnen jetzt zum Beispiel Kommandos, was vorher nie möglich gewesen wäre. Dieses Gefühl nimmt sie mit in den Alltag“, freut sich die Tiertherapeutin über den Erfolg. „Das sind ganz wertvolle Momente für meine Arbeit.“

*Name geändert

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